Wer den Weg von vm-people mitverfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, dass das wir tun, sich immer weiter von dem entfernt, was man im klassischen Sinne unter Marketing oder Werbung versteht. Sebastian Fitzek hat es in seiner ultimativen Lobhudelei anlässlich unseres Siebenjährigen im September so ausgedrückt: „Sie wollen Aufmerksamkeit schaffen, haben aber verstanden, dass die Zeiten marktschreierischer Werbestrategien vorbei sind. Sie versuchen keine banalen Botschaften zu verkaufen, sondern Geschichten zu erzählen.“

Rund um den Gedanken, dass es gute Geschichten sind, die Menschen, aufhorchen lassen, die sie berühren, die sie dazu bringen, sich mit Marken, Produkten und Unternehmen auseinanderzusetzen und die sie irgendwann vielleicht sogar zu Fans machen, entsteht in den USA gerade eine Bewegung. Der Schlüsselbegriff, der akademische Kreise, Künstler, Marketingentscheider und Medienleute gleichermaßen elektrisiert heißt „Transmedia“ bzw. „Transmedia Storytelling“.

Im Kern geht es bei Transmedia darum, Geschichten über mehrere Plattformen hinweg zu erzählen und zu vermarkten. Entstanden im Diskurs zu erfolgreichen Entertainment-Franchises wie „Star Wars“, verbinden sich mit dem Begriff genau jene Fragen, die uns vm-people umtreiben, seit dem wir verstärkt für die Buchbranche tätig sind: Was kann man von den vielzitierten Erfolgsgeschichten von „The Matrix“ bis „Lost“ lernen? Wie müssen Geschichten und Inhalte inszeniert werden, in einer Zeit, in der sich die klassische Rollenverteilung zwischen Schöpfer und Publikum langsam aufzulösen beginnt? Welche Chancen der Monetarisierung bietet Transmedia in einer Welt, in der althergebrachte Geschäftsmodelle erodieren, egal ob man man es mit Musik, Filmen, Games oder Büchern zu tun hat? Und wie können Unternehmen, die nicht in der Entertainment-Industrie angesiedelt sind vom Transmedia-Gedanken profitieren?

In den vergangenen Jahren haben ich persönlich dank einiger mutiger Menschen, überwiegend aus der Verlagsbranche, allen voran Klaus Kluge (Bastei Lübbe), Andrea Domdey (Carlsen) und eben Sebastian Fitzek, viele wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen, was das partizipative, transmediale Erzählen anbelangt. Im deutschsprachigen Raum ist dadurch mittlerweile eine kleine, aber stetig wachsende Fangemeinde entstanden, die an Experiences und Alternate Reality Games wie zuletzt „Finding Becca“, „Der Regler“ oder „Unberührbar“ regen Anteil nimmt und die eine Ahnung davon vermittelt, wie viel Potenzial in Transmedia steckt. Mit Blick auf den durch die Digitalisierung ausgelösten Medienwandel wird inzwischen auch hierzulande viel über Transmedia diskutiert – zuletzt auf der Buchmesse im Rahmen der StoryDrive und nächste Woche beim StART-Kongress in Duisburg.

Allenthalben wird von einer Transformation gesprochen, die jetzt ansteht, nicht nur in der Verlagsbranche. Noch weiß niemand so genau, wohin die Reise geht, auch ich nicht. Aber ich weiß, dass ich dabei sein möchte, wenn die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Deswegen werde ich in den nächsten Wochen und Monaten viel unterwegs sein. Meine erste Station ist das Massachusetts Institue of Technology (MIT) in Boston, wo ab Freitag die Konferenz „Futures of Entertainment“ (#FoE5) beginnt. Die FoE ist ein Treffpunkt für das Who-is-Who der noch jungen Transmedia-Szene. Besonders freue ich mich darauf, einen der Vordenker Henry Jenkins, Professor an der University of Southern California (UCLA) live zu erleben. Gespannt bin ich aber auch auf Timo Vuorensola, den Regisseur von „Iron Sky“, der sicher viel Interessantes zu seinem Crowsourcing-Movie-Projekt zu erzählen hat.

Ich werde berichten. Hier im Blog und live auf Twitter.