„Die Deutschen können schnell hysterisch werden“: Interview mit Eric T. Hansen

Seitdem ich mich intensiver mit Shitstorms beschäftige, bin ich oft gefragt worden, woran es liegt, dass der Begriff ausgerechnet in Deutschland so eine steile Karriere gemacht hat („Anglizismus des Jahres 2011“). In den USA zum Beispiel, wo ich dieses Jahr einige Monate zugebracht habe, kennt man die Bezeichnung kaum, zumindest nicht in dem hierzulande gebräuchlichen Zusammenhang. Der US-Autor Eric T. Hansen liefert in dieser Frage einige interessante Erklärungsansätze. Hansen, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hat einen scharfen Blick für die kulturellen Unterschiede und versteht es, seine Beobachtungen auf unterhaltsame Art und Weise ihn Bücher zu verpacken. Zuletzt war er in der langen US-Wahlnacht im ZDF zu sehen, wo er die Rolle des Erklärbärs der amerikanischen Volksseele einnahm. In seinem Buch „Nörgeln! Des Deutschen größte Lust“ (Fischer, 2011) vertritt Hansen die These, dass Kritisieren, Lästern und Quengeln, typisch deutsche Wesenszüge seien. Grund genug, Herrn Hansen einige Fragen zu stellen, wie er das Phänomen Shitstorm einordnet.

Mr. Hansen, Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal bei einem Shitstorm mitgemischt – auf Twitter genörgelt oder in einem Blog rumgenölt?

Das erste Mal, dass ich bei einem Shitstorm mitgemacht habe, hat mich auch geheilt. Es war aber lange vor Twitter, also vielleicht kein Shitstorm, eher so ein plötzlicher, heftiger Furz. In einer Sprachschule, wo ich gearbeitet habe, schrieb jemand irgend so eine allgemeine Klage über irgendwas – dass man gefälligst die Toilette hinter sich ordentlich verlassen sollte oder ähnliches. Sofort erschienen handgeschriebene Bemerkungen auf dem Blatt, vielleicht zehn Stück, von wegen man solle vor der eigenen Tür kehren, bevor man andere beschuldigt. Ich war nicht mal seiner Meinung, aber mir fiel zufällig eine unglaublich witzige, bissige Bemerkung ein, also schrieb ich sie hin. Scheinbar ging ich zu weit. Alle wussten sofort, wer das geschrieben hatte, und am nächsten Tag waren sie empört. Im Flur zischten sie mich an. Eine besonders hübsche Dame sagte, „Eric, ich hatte dich immer anders eingeschätzt – ich dachte, du hättest Niveau.“ Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich sie angebaggert, jetzt war es zu spät. Inzwischen wünsche ich mir, ich würde mich daran erinnern, was ich genau da geschrieben hatte. Es muss witzig gewesen sein.

Was bedeutet der Begriff „Shitstorm“ in den USA? Kennt man den Begriff dort überhaupt?

In Amerika ist der Begriff schnell wieder verschwunden. Es war einer dieser Begriffe, die sich lustig anhören, dann werden sie schnell von einem neuen lustigen Begriff ersetzt. Heute wüsste ich nicht, dass irgendjemand ihn noch benutzt. Aber in Deutschland hat es irgendwie die Fantasie der Leute angeregt. Vielleicht ist es einer dieser Begriffe, auf die die Deutschen gewartet haben. Hierzulande ist man fleißig dabei, immer neue gesellschaftliche Phänomene zu erleben, aber sehr faul darin, dafür Begriffe zu erfinden. „Political correctness“ zum Beispiel habe ich in den frühen 80ern in Deutschland erlebt, lange bevor es in den USA aufkam. Bei „Wetten dass…?“ fingen alle Gäste an, politisch korrekte (oder gar „moralisch korrekte“?) Wetten anzubieten. Bis dahin waren es lustige Wetteinsätze: „Wenn ich verliere, stehe ich nackt in der Fußgängerzone mit einem Plakat auf dem steht, ich bin ein Würstchen.“ Plötzlich waren die ganzen Stars lauter kleine Heilige: „Wenn ich verliere, verteile ich Würstchen an Arme. Und wenn ich gewinne, tue ich das auch.“ Aber in Deutschland hatte das Phänomen noch keinen Namen, bis die Amis ihn später erfanden. Also glauben alle, political correctness käme aus Amerika. Also, und im Mist über andere auskübeln waren die Deutschen auch schon lange ziemlich gut, schon, als die Welt noch analog war. Die Wut ließ sich nur nicht so schön spontan bündeln wie heute.

Entrüstungsstürme treten aber in den USA durchaus auch auf. Kürzlich traf es Burger King, als ein Mitarbeiter sich dabei filmte, wie er mit beiden Füßen im Krautsalat stand. Wodurch unterscheidet sich ein Shitstorm „Made in Germany“?

Na gut, wir Amis machen das auch, aber vom Gefühl her reagieren die Deutschen schneller und heftiger als Gruppe auf ein Thema. Vor allem auf ein kleines Thema. Nirgends werden Kleinigkeiten so ernst genommen wie hier. Christian Wulff hat mal bei einem Freund übernachtet, der viel Geld hat. Na und? In Amerika muss es schon Mord sein, dann ist es wichtig. In Deutschland geht es durch die Presse, und innerhalb von 12 Stunden ist es das Wichtigste, was es gibt, und jeder, wirklich jeder streitet sich darüber, wie diese Schwärme von Fischen, die sich plötzlich und alle gleichzeitig nach rechts oder links wenden, ohne dass es eine sichtbare Ursache gibt. Wenn die Fische es tun, ist es lustig. Wenn eine ganze Nation es tut, kann es einem Angst machen.

Was sind die Ursachen dafür, dass Shitstorms hierzulande so populär sind? Sind Shitstorms etwa ein typisch deutsches Phänomen?

Die Deutschen können schnell recht hysterisch werden, zum Beispiel zum Thema Beschneidung, und sie tun es alle gemeinsam. Tausend Jahre nichts, dann plötzlich muss jeder eine Meinung dazu haben und diese Meinung laut und heftig durchsetzen, bis man keine Lust mehr hat, dann geht man zum nächsten Shitstorm über. Vielleicht ist es eine Art der Massenkommunikation: Wir Amis haben das Gefühl, dass wir eine einige Nation sind, wenn wir am Unabhängigkeitstag die Hand übers Herz legen oder nach einer Schießerei allesamt trauern, dann aber geht es schnell zum Alltag über, und die Nation ist wieder gespalten – die eine Hälfte sagt, „Keine Waffen mehr“, die andere Hälfte sagt, „Fuck you, wir wollen erst recht mehr Waffen“, und die Gemeinsamkeit ist dahin. Das ist der Normalzustand. Die Deutschen dürfen ihre Hand nicht übers Herz legen. Die Gemeinsamkeit als Nation suchen sie, aber sie finden sie nicht in althergebrachten Bräuchen. Also suchen sie andere Dinge, die sie gemeinsam haben. Nichts vereint so gut wie ein gemeinsamer Feind, das wusste schon Bismarck. So funktionieren auch Shitstorms – plötzlich, ohne echten Grund, hassen alle, aber wirklich alle, Guido Westerwelle, auch diejenigen, die politisch völlig desinteressiert sind. Auch ich habe den armen Mann gehasst, und ich weiß bis heute nicht, warum. Eigentlich scheint er ein netter Kerl zu sein.

Eric T. Hansens aktuelles Buch trägt den Titel „Planet America“ und ist kürzlich bei Bastei Lübbe erschienen.

Aktuelle Einblicke in die Shitstorm-Forschung gebe ich heute Abend in der Sendung Bambule, moderiert von Sarah Kuttner, ZDF Neo ab 21:45 Uhr.



Von Thomas Zorbach am 29. November 2012
in Interviews, Shitstorms, Wissenschaft

Tag der Untoten: vm-people startet transmediale Zombie-Experience

Die Geschichte beginnt mit einem Facebook-Post. Im Frühjahr letzten Jahres schrieb ich aus einer Laune heraus an meine Pinnwand, dass ich mit einem Zombie-ARG liebäugele und bat interessierte Freiwillige, Filmschaffende oder Autoren sich bei mir zu melden. Noch am gleichen Tag bekam ich zu meinem großen Erstaunen erste Fotos von einigen „zombifizierten“ Facebook-Freunden zugespielt. Andere bekannten in Kommentaren oder per Mail, das sie große Zombie-Fans seien und das es schon immer ihr größter Traum war, in einem Zombie-Film mitzuspielen.

Einige Wochen später flatterte dann ein Manuskript in mein virtuelles Postfach. Der Verlag hatte gerade einen Zombie-Titel ins Programm gehievt und von meiner kleinen empirischen Erhebung in meinem Umfeld Wind bekommen. Es handelte sich um ein Jugendbuch, ein Terrain also, das in den letzten Jahren vornehmlich von Vampiren regiert wurde. In Anbetracht des kleinen Begeisterungssturms, den mein Posting verursacht hatte, fiel es mir nicht schwer, die Frage, ob ich mir vorstellen könne, den Titel viral zu vermarkten, mit „Ja“ zu beantworten.

Nach eineinhalb Jahren Vorlauf ist es nun endlich soweit und unsere Geschichte rund um die Untoten geht heute an den Start. Wie schon so oft haben wir uns dabei wieder einiges vorgenommen. Vor allem aber wollen wir, abseits der altbewährten ARG-Pfade, mit transmedialen Formaten experimentieren. Die Experience trägt den Titel „Untot in Deutschland“ und führt Elemente wie Crowdsourcing, Gamification, Rollenspiel und Film in einem Erzählkosmos zusammen. Inwiefern dieser Ansatz tragfähig ist, darüber wird wie immer allein das Publikum entscheiden.

Der Auftakt jedenfalls war recht vielversprechend: Eine Organisation namens „Zentrale zur Abwehr Untoter“, kurz ZAU, machte in den letzten Tagen durch den Versand eines Zombie Survival Guides von sich reden. Das seltsame Regelwerk, dass an nichtsahnende Netzbürger gesendet wurde und das mit hilfreichen Tipps zur Prävention, Termination und Dekontamination im Falle einer Zombie-Epidemie aufwartet, rief großes Interesse vor. Auf der offiziellen Webseite der ZAU haben sich in nur zwei Wochen rund 1.000 Unerschrockene registriert, die bereit sind, den Kampf gegen die Untoten aufzunehmen.

Was nach Ablauf des Countdowns, am Montag um 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit geschieht, wissen momentan nur einige Eingeweihte an der Graduate School of Library and Information Science an der University of Illinois in Urbana-Champaign. Nach dem ich dort letzte Woche im Rahmen einer Vorlesung von der Untot-Experience und einigen anderen Projekten der jüngeren Vergangenheit berichtet habe, fragte mich ein offensichtlich leicht verstörter Student, ob sich unsere Produktionen immer nur um Mord, Horror oder Katastrophen drehen und ob das die Voraussetzung für den Erfolg in Transmedia sei.

Ich habe ihm geantwortet, dass Transmedia Storytelling von guten Geschichten lebt, ganz egal, aus welchem Genre sie stammen und das ich liebend gerne zum Beispiel einmal eine Lovestory für einen Titel aus der Gattung Chicklit oder Love and Landscape plattformgreifend inszenieren würde. Zugegeben, ich schreibe diese Zeilen hier nicht ganz ohne die Hoffnung, dass sie von einem mutigen Autor oder einem experimentierfreudigen Verlag gelesen werden und das demnächst vielleicht eine andere Geschichte mit diesem Posting hier beginnt. Freiwillige vor!

Die Webseite der Zentrale zur Abwehr Untoter
Facebook-Seite der ZAU
Tumblr-Blog



Von Thomas Zorbach am 24. September 2012
in Allgemein, Transmedia Storytelling

History repeating? Sebastian Fitzek und der deutsche Thriller

„Ein deutscher Psychothriller funktioniert nicht“, lautete die lapidare Begründung mit der Sebastians Fitzeks erstes Manuskript im Jahr 2005 von (fast) allen Verlagen abgeschmettert wurde. Nach sieben Jahren und über zwei Millionen verkauften Büchern steht heute fest: der Autor hat alle Skeptiker Lügen gestraft und einen großen Anteil daran, dass das deutsche Thrillergenre inzwischen salon- und marktfähig geworden ist. Beste Voraussetzungen also, so möchte man meinen, die Bücher auch erfolgreich auf die Leinwand zu bringen. Doch weit gefehlt, denn die Geschichte schien sich zu wiederholen.

„Deutsche Thriller funktionieren nicht“, waren sich die (meisten) Filmproduzenten, Förderungsanstalten, Verleihfirmen und Kinobetreiber einig, als sich Fitzek, gemeinsam mit einigen Verbündeten im letzten Jahr daran machte, seinen Roman „Das Kind“ zu verfilmen. Der Film erzählt die Geschichte von Simon Sachs, einem Zehnjährigen, der glaubt in seinem vorangegangen Leben, ein Serienmörder gewesen zu sein. Gemeinsam mit seinem Freund Zsolt Bász, der die Regie übernahm, gelang es Fitzek ein internationales Starensemble für die Verfilmung zu verpflichten, allen voran Hollywoodgröße Eric Roberts. Was das Team gegen alle Widerstände auf die Leinwand gebracht hat, kann es, trotz überschaubarer finanzieller Mittel, mit dem ganz großen Kino aufnehmen. Aber was hilft’s wenn deutsche Thriller im Kino angeblich nicht funktionieren?

Was die Entscheidungsträger in der Filmbranche bei ihrer Einschätzung nicht auf dem Schirm hatten, ist das treue, verschworene Publikum, das Fitzek über die Jahre mit seinen Büchern aufgebaut hat. Folgerichtig tat die Filmcrew von Anfang an alles, um die Fitezk-Fans an der Produktion partizipieren zu lassen. Dreh- und Angelpunkt des Dialogs ist eine Facebook-Seite, die parallel zum Drehstart, im Mai 2011, ins Leben gerufen wurde. Auf der Page werden nicht nur regelmäßig Updates zum Film veröffentlicht zum Beispiel Setfotos oder kurze Clips, sondern auch Aktionen durchgeführt, die zum Ziel haben den Fans, ähnlich wie bei der Independant-Produktion „Iron Sky“, das Gefühl zu vermitteln, dass sie eine tragende Rolle beim Gelingen des Filmprojekts spielen. So wurden unter anderem Statistenrollen ausgeschrieben und verlost. Dass die Fans buchstäblich ein Teil des Films sind, wird besonders im Abspann deutlich in dem über 10.000 Unterstützer namentlich genannt werden.

Der vorläufige Höhepunkt des Fan-Involvements bildete am 30. Juli die Trailer-Premiere in Berlin, an der rund 500 Leute vor Ort teilnahmen. Online konnte die Veranstaltung per Livestream mitverfolgt werden, der aber nach kurzer Zeit unter dem Ansturm Tausender Fans komplett zusammenbrach. So bekamen zunächst nur Wenige die Ankündigung einer deutschlandweiten Preview Night am 29. August. „Hol Das Kind in deine Stadt“ ermöglichte den Fans den Film bereits vor dem offiziellen Start am 18. Oktober zu sehen. Per Facebook-Voting wurden vorab 15 Städte ermittelt, in denen der Film gezeigt wird, vorausgesetzt mindestens 217 Leute pro Stadt lösen einen Gutschein beim Online-Ticket-Service Eventbrite. Die frohe Kunde von den bevorstehenden Previews verbreitete sich viral unter den Fans und erzielte in kürzester Zeit eine Reichweite von knapp 270.000 Personen, allein auf Facebook.

Als Teil der „Das Kind“-Filmcrew unterstützen wir das Team um Sebastian Fitzek bei den Social Media Maßnahmen und versuchen unseren Teil dazu beizutragen, dass der Film das Publikum findet, das er verdient. Ich persönlich habe eine ganz besondere Beziehung zu diesem Projekt, weil wir mit vm-people seinerzeit auch die Kampagne zum Buch „Das Kind“ inszeniert haben, das Alternate Reality Game „Push 11“. Und so wie es aussieht stehen die Zeichen nicht schlecht, dass sich auch die Erfolgsgeschichte von „Das Kind“ wiederholen wird. Denn innerhalb von nur 10 Tagen haben die Fitzek-Fans in ganz Deutschland dafür gesorgt, dass die erforderliche Gutschein-Bestellmenge 217 in allen angekündigten Städten erreicht war. Allein in Berlin wollen über 2.000 Menschen „Das Kind“ im Preview sehen, weshalb ein ganzes Multiplexkino mit mehreren Sälen angemietet wird. Das schafft sonst nur Harry Potter oder der Herr der Ringe!

Die Webseite zum Film
Facebook-Seite



Von Thomas Zorbach am 15. August 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, Fans

„Pippas Tagebuch“: Wie Zoë Beck ihre Fans auf einen neuen Roman einstimmt

Bei Autoren hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es durchaus von Vorteil ist, für seine Leser erreichbar zu sein. Die Lektüre eines Buches ist oft mit starken Emotionen verbunden und weckt das Bedürfnis nach Austausch – nicht nur mit anderen Lesern, sondern auch mit dem Verfasser. Wer diese Nähe zulässt, wer auf E-Mails antwortet, auch wenn sie kritisch sind oder bei Facebook auf Fragen reagiert und mit den Fans in einen Dialog tritt, eröffnet sich die Chance, eine starke Bindung zu seinem Publikum aufzubauen. Auch wenn es viel Zeit und manchmal Nerven kostet: es lohnt sich für die Leser da zu sein, wenn sie auf den Autor zugehen.

Zoë Beck hat den Spieß jetzt umgedreht. Bereits Wochen vor dem Erscheinen ihres neuen Romans „Das zerbrochene Fenster“ ist die Autorin auf ihre Leser zugegangen und das auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Ausgewählte Fans ihrer Facebook-Page, Rezensenten ihrer Bücher und Buchblogger erhielten überraschend eine Sendung mit der Post. Neben einem handgeschriebenen und individuellen Gruß der Autorin enthielt der Umschlag eine Speicherkarte im Visitenkarten-Format, verziert mit einem Portraitfoto. Auf der USB-Karte verbarg sich die nächste Überraschung: eine Audiodatei im Stil eine Diktaphone-Aufnahme mit der Stimme einer verzweifelten Frau.

Foto: Michelle Senn

Die Aufnahmen datieren auf das Jahr 2003 beziehungsweise 2004 und stammen von Philippa Murray, eine Klavierbauerin aus Edinburgh. „Pippa“ sucht ihren Freund Sean, der spurlos verschwunden ist. In den tagebuchartigen Passagen, fünfzehn an der Zahl, redet sie sich ihren Kummer und ihre Verzweiflung von der Seele. Schon nach den ersten Tracks beginnt man tiefes Mitleid zu empfinden mit dieser unbekannten Frau, die nicht bereit ist zu akzeptieren, dass sie den geliebten Menschen wahrscheinlich niemals wiedersehen wird. So sehr es auch den Anschein haben mag, aber Pippa ist nicht real. Sie ist die Protagonistin aus „Das zerbrochene Fenster“ und wird von der Autorin selbst zum Leben erweckt, die der Hauptfigur ihre Stimme leiht.

Vierzehn der fünfzehn Tondateien sind Teil des Romans. Sie haben die Funktion den Leser emotional auf die Handlung einzustimmen. Dadurch bekommt das Publikum dieses „Sneak Prehears“ das Gefühl vermittelt die Figuren und das Setting bereits zu kennen, bevor die erste Seite des Buches aufgeschlagen ist. Gleichzeitig sollen die Tracks reflektieren wie Zoë Beck ihre Geschichte erzählt: fragmentarisch, komplex, angesiedelt auf mehreren Zeitebenen. Keine leicht verdauliche Thriller-Kost von der Stange, nichts was sich locker wegliest. Dafür eindringlich geschilderte, vom Leben gebeutelte Figuren, die in Erinnerung bleiben. Keine Blutorgien, stattdessen psycholgische Spannung im ursprünglichen Sinne des Wortteils „Psycho“ in Psychothriller.

Video: Michelle Senn

Nach dem Alternate Reality Game „66 Letters“ für den Roman „Das alte Kind“ ist „Pippas Tagebuch“ bereits meine zweite Zusammenarbeit mit Zoë Beck. Es ist vergleichsweise eine dankbare Aufgabe, denn die Autorin macht im Umgang mit ihren Fans so ziemlich alles richtig. Vor allen Dingen merkt man ihr deutlich an, dass Social Media für sie keine lästige Pflichtübung darstellt, sondern dass ihr Facebook und Twitter ganz einfach Spaß machen, wie sie in einem Radio-Interview kürzlich erzählt hat. All das zusammengenommen: die Nahbarkeit für ihre Leser, die fragmentarische, transmediale Inszenierung ihrer Stoffe und der selbstverständliche, glaubwürdihe Umgang mit Social Media machen Zoë Beck für mich zum Prototyp einer modernen Autorin im digitalen Zeitalter.

Die Webseite zum Roman „Das zerbrochene Fenster“
„Sich selbst um das Buchmarketing zu kümmern, hat enorm an Wichtigkeit gewonnen“: Zoë Beck im Interview mit Leander Wattig



Von Thomas Zorbach am 11. August 2012
in Social Media, Transmedia Storytelling

Shitstorm-Saison 2012: Frustration oder Manipulation?

Gäbe es so etwas wie eine Hurricane-Saison in Social Media, viel spräche dafür, dass wir uns in Deutschland gerade mittendrin befinden. Innerhalb kürzester Zeit wurden Vodafone, McDonald’s, und das ProSieben-Magazin Galileo von Shitstorms bisher unbekannten Ausmaßes getroffen. Brutstätte in allen Fällen ist Facebook. Ausgelöst durch einzelne Nutzerbeiträge, bauten sich innerhalb weniger Stunden gigantische Proteststürme aus „Likes“ und Kommentaren auf, die sich in hoher Geschwindigkeit durch das soziale Netzwerk verbreiteten.

Aufgrund des schnellen Aufeinanderfolgens der Ereignisse und gewisser Ähnlichkeiten in den Verbreitungsmustern wird im Web derzeit darüber spekuliert („Der gekaufte Shitstorm“), ob die Vorfälle möglicherweise durch Manipulation herbeigeführt worden sind zum Beispiel durch den Einsatz von gefälschten Facebook-Profilen. Obwohl solche Profile vielerorts feil geboten werden und eine gezielte Beeinflussung der Interaktionsrate von Facebook-Meldungen technisch möglich erscheint, halte ich die Beweislage für unzureichend und nicht überzeugend.

Quelle: Kai Thrun

Ich halte es für wahrscheinlicher, dass die jüngsten Vorkommnisse das Ergebnis von organischen Netzwerkeffekten sind, deren Ursache in den viralen Funktionen von Facebook begründet liegen. Wenn dann hinzukommt, dass einem Unternehmen wie Vodafone aufgrund wahrgenommener Defizite im Servicebereich eine hohen Anzahl von Gegnern mit einer niedrigen Toleranzschwelle gegenüberstehen, die auf eine passende Gelegenheit warten, ihren angestauten Frust loszuwerden, finde ich ein Ergebnis von mehreren Tausend „Likes“ und Kommentaren im Verlauf von nur wenigen Stunden nicht weiter verwunderlich. Facebook-Seitenbetreiber wie McDonald’s oder Galileo, die über 1 Million „Gefällt mir“-Klicks erreicht haben, müssen solche Phänomene künftig auf dem Schirm haben und ihr Handlungsrepertoire dahingehend erweitern, dass sie vor einem solchen Kritikeransturm gewappnet sind.

Gegen die Manipulationsthese sprechen auch die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt, an dem ich gemeinsam mit Dr. Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University arbeite. Jürgen Pfeffer hat in einem Simulationsmodell nachgewiesen, dass geringfügige Veränderungen im Kommunikationsverhalten von Social Media-Nutzern aufgrund der lokalen Cluster-Struktur interpersonaler Kommunikationsnetzwerke große Auswirkungen haben können. Der Kurvenverlauf im Fall von McDonald’s und Galileo – das schnelle Ansteigen der Kommentarhäufigkeit und ihr ebenso rapides Absinken – ähnelt auf frappierende Weise den Ergebnissen aus unserer Simulation.


Quelle: Pfeffer, Zorbach

Über unsere Forschungsergebnisse habe ich kürzlich mit Holger Schmidt, Redakteur beim FOCUS Magazin und Betreiber des „Netzökonomie-Blog“, gesprochen. Das Interview ist diese Woche erschienen – in der Printausgabe Nr. 32/6. August 2012 und online.

„Netzwerkeffekte überlagern kognitive Effekte“
Facebook-Wutwelle trifft McDonald’s
Der gekaufte Shitstorm
Shitstorm über „Galileo“: So reagiert ProSieben auf derbe Vorwürfe
Shitstorms die Dynamiken von Empörungswellen in Social Media: Studie von Dr. Jürgen Pfeffer (Carnegie Mellon) und Thomas Zorbach (vm-people)
How to survive a Shitstorm: Vortrag von Sascha Lobo auf der re:publica 2010



Von Thomas Zorbach am 9. August 2012
in Aktuelle Fallbeispiele, In eigener Sache, Interviews, Shitstorms, Wissenschaft