Das Rauschen der Kanäle

In Berlin sorgt derzeit eine Plakataktion der Künstlergruppe genauso.und.anders für Aufsehen. Auf Großflächenplakaten, die die Ausstellung, THE ABC – Semiotik des Widerstandes, begleiten, sind konsumkritische Motive im Comic-Stil zu sehen.

Die Künstler verstehen sich selbst als „Schafe im Wolfspelz“, die mit der Plakataktion „in das Geheul von Werbe- und Marketingspezialisten“ einstimmen möchten. Wir gehören zwar zu den „Wölfen“ vor Ort, fühlen uns aber dennoch nicht so richtig angesprochen.

Denn auch wir setzen uns dafür ein, das Geheule im öffentlichen Raum zu verringern und „das Rauschen der Kanäle“ zurück zu fahren. Wie zuletzt auf dem forward 2 business Kongress oder hier im Blog. Wer auffallen möchte muss nicht schreien, sondern etwas zu sagen haben.



Von vm-people am 23. August 2005
in Diskurs

Was gar nicht geht:

Laut is the new Bullshit. Das geht nun wirklich gar nicht. So hatte der geneigte Bildleser heute morgen das Vergnügen, beim Besuch von Bild.de von einem lärmenden Flash-Intersticial aus seiner morgigen Idylle gerissen zu werden.

Liebe Kollegen aus Werbung und Vermarktung: Macht ihr euch denn überhaupt keine Gedanken darüber, WO die Medien in denen ihr schaltet gelesen werden??? So weiß jetzt a) das ganze Büro, dass ich Bild lese und b) weiss das Büro auch, dass ich so schnell nichts mehr bei eBay ersteigern werde.

Was kommt als nächstes? Lärmende Erotik-Banner beim Besuch von amazon.de?



Von vm-people am 13. Juni 2005
in Diskurs

Werbung

Am Samstag stand in der Süddeutschen Zeitung ein Text von Tobias Kniebe, den ich so treffend fand, dass ich ihn hier kommentarlos, einschließlich des Appells am Schluss, wiedergeben möchte:

Neulich war plötzlich dieses Gefühl des Verlustes da, und seitdem weht Melancholie. Es begann mit einem Fernsehspot, in dem das 25. Jubiläum des Audi Quattro gefeiert wurde. Darin sah man kurze Ausschnitte aus legendären alten Filmen, die seinerzeit nicht nur den Quattro berühmt machten, sondern die ganze Marke Audi erfolgreich von ihrem Rentner-mit-Hut-Image befreit haben: Ein Quattro klettert eine finnische Sprungschanze hoch, einfach Vollgas und los, ganz bis nach oben; ein Quattro wird von einem Monstertruck über den Highway gejagt, der exakt so gefährlich aussieht wie in Spielbergs „Duell“ – nur dass es in Wahrheit um einen Abschleppvorgang geht; und schließlich ist da ein Quattro, der durch die Meeresbrandung braust, während sich hinten ein Mann drangehängt hat, der Wasserski fährt.

Wer in den achtziger Jahren manchmal ins Kino ging, kann sich an all diese Spots erinnern – die Werbung der letzten zehn Jahre hat dagegen nicht die geringsten Spuren im Gedächtnis hinterlassen.

Das zeigt, dass wir etwas Grundlegendes verloren haben – nämlich die Fähigkeit, über spektakuläre Bilder überhaupt noch zu staunen. Die Saurier von „Jurassic Park“ markieren den Punkt, wo plötzlich alles machbar war, wo wir ein letztes Mal ungläubig den Kopf geschüttelt haben. Alles, was danach kam, war nur noch digitale Zauberei: Spektakulär, okay, überwältigend, schon klar, aber nur ungefähr zwei Sekunden lang. Anschließend: Verpufft, vergessen, in tausend Pixel zerfallen. Die Misere der Gegenwart ist uns angesichts dieser alten, handgemachten, nicht-digitalen Audifilme erst so richtig klargeworden.

Seither fühlen wir uns wie Yoda am Ende des neuen „Star-Wars“-Films – und suchen eine Höhle, wo wir die nächsten zwanzig Jahre mit Meditation verbringen können.

Faire Angebote bitte an die Redaktion.



Von vm-people am 21. Mai 2005
in Artikel, Diskurs

forward2business-Zukunftskongress 2005: Kult gesucht – Wie wird Werbung maskottchenfähig?

Der Begriff „Kult“ hat in den letzten Jahren durch seinen inflationären Gebrauch eine rasante Entwertung erfahren. „Kultfilm“, „Kulthit“, „Kultwurst“ – alles Mögliche bekommt den fragwürdigen Stempel „Kult“ aufgedrückt.

In keinem anderen Wirtschaftszweig wird der Begriff jedoch so gerne und oft bemüht wie in der Entertainmentbranche. Aber längst nicht überall, wo Kult draufsteht, ist auch Kult drin. Nach unserem Verständnis hat der Kultbegriff nur dann seine Berechtigung, wenn einer Marke oder einem Produkt eine Art „religiöse Verehrung“ zu teil wird und die Menschen aka „Fans“ einen missionarischen Eifer dabei entwickeln, ihr soziales Umfeld zu bekehren.

Über unser spezielles Verständnis des Kultbegriffs, über Marketing mit eingebautem „Holzmichl-Effekt“ und über vieles mehr wollen wir mit den Teilnehmern des forward2business-Zukunftskongress 2005 am 9. Juni 2005 in Halle/Saale diskutieren. Wir bedanken uns bei Sven Gábor Jánszky für die Einladung und freuen uns auf spannende Gespräche.



Von vm-people am 5. Mai 2005
in Diskurs, Vorträge & Seminare

Kleine Bitte um ein bisschen mehr Ruhe

Jetzt ist er also vorbei: Der International Noise Awareness Day oder auch: Der Tag der Ruhe. Grund genug, über den Beitrag nachzudenken, den wir Marketing-Menschen tagtäglich zur lärmenden medialen „Umweltverschmutzung“ leisten.

 

In Gruppen von kleinen Kindern lässt sich gelegentlich das Phänomen beobachten, dass jedes Kind im Ringen um die allgemeine Aufmerksamkeit die Stimme immer mehr und mehr erhebt, um alle Anderen zu übertrumpfen. Da alle das Gleiche tun ist die unausweichliche Folge: Ohrenbetäubender Lärm, bei dem niemand mehr etwas versteht.

Das Erstaunliche: Auch wir Marketer verhalten uns mehr und mehr wie kleine Kinder. Im Ringen um das „Gehör“ einer reizüberfluteten Öffentlichkeit werden Unternehmen und Agenturen lauter und lauter, schriller und schriller, um „durchzudringen“ und erzielen doch nur eine Wirkung:

Ohrenbetäubenden Lärm, bei dem niemand mehr etwas versteht.

Merkwürdig genug: Menschen, die im täglichen Leben höflich und rücksichtsvoll, zuvorkommend und aufmerksam sind, werden auf einmal zu Rüpeln, denen jedes Mittel recht und keine Provokation zu billig ist, wenn es darum geht, für Produkte und Ideen zu werben.

Umgekehrt ausgedrückt: Würden wir uns im täglichen Leben so verhalten, wie wir es häufig im Namen der Werbung für legitim halten, wir würden in kürzester Zeit als Soziopathen gemieden.

Dabei wissen wir doch spätestens seit Enzensbergers berühmtem Essay über den Luxus, dass Ruhe und Aufmerksamkeit in Zukunft vermutlich zu den am wenigsten verfügbaren Luxusgütern zu rechnen sein werden.

Enzensberger schreibt: „(Aufmerksamkeit) ist ein knappes Gut, um dessen Verteilung sämtliche Medien erbittert kämpfen. Im Gerangel von Geld und Politik, Sport und Kunst, Technik und Werbung bleibt wenig von ihr übrig. Nur wer sich diesen Zumutungen entzieht und das Rauschen der Kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht. Unter dem Trommelfeuer arbiträrer Informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten ab; sie wachsen mit der Reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. Auch darin kann man ein Moment von Luxus sehen.“

Es wäre schön, wenn es uns gelänge, mit unserer Disziplin einen kleinen Beitrag zu diesem Luxus zu leisten.

Nochmal bei Enzensberger nachlesen (Auszug – bitte runterscrollen) >>>



Von vm-people am 20. April 2005
in Diskurs